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ESSEN.
MITTENDRIN.

Zum Koksofen ein Katzensprung

Die neue Parkouranlage auf Zollverein

Ein grauer Morgen, still ist es auf dem Gelände der Kokerei Zollverein. Nur ein paar Jogger und Hunde, die mit ihren Haltern auf dem Areal unterwegs sind. Zielstrebig lassen wir Café und Werksschwimmbad hinter uns und bewegen uns in Richtung neuer Parkouranlage. Vor uns erstrecken sich 600 Quadratmeter aus Betonklötzen, Rampen, Mauern und Stangen. Bei jedem Schritt hüpfen wir ein bisschen, denn der Gummifußboden gibt weich unter unseren Füßen nach.

Der Wind ist kalt, wir ziehen unsere Jacken bis oben hin zu und treffen auf einen jungen Mann im T-Shirt. Er schwingt sich in beeindruckenden Bewegungen über Betonmauern und an Stahlrohren entlang. Ihm ist offensichtlich nicht kalt.

Parkour heißt der Sport, den er da betreibt. Entstanden in Frankreich, ursprünglich um effizient aus Gefahrensituationen zu fliehen und später als Form der kunstvollen Bewegung in den urbanen Raum der Pariser Vorstadt verlegt.

Hunde, Halter und Jogger gucken erstaunt im Vorbeilaufen. Sie alle scheinen ihren Weg in- und auswendig zu kennen, doch dieser Anblick ist auch für sie neu. Auf die Frage, ob er mit uns verabredet sei, verschwindet der Junge spontan. Mist! So furchteinflößend sind wir doch gar nicht. Und genau deshalb waren wir doch hergekommen, um einen Traceur – so heißen Parkour-Läufer, lernen wir später – in Aktion zu sehen. Diesen dann wohl leider nicht.

Aber da kommt auch schon der nächste. Kevin. Mit ihm sind wir verabredet. Er sieht ganz normal aus, Jeans, T-Shirt, Sneaker. Keine Ausrüstung, kein wildes Outfit. Denn als Traceur braucht man nur sich. Und eine urbane Landschaft. In diesem Fall eine eigens dafür angelegte.

Mit ihm kommt auch Carina. Die hat dafür Schaufel und Besen dabei. Wir sind gespannt. Carina kommt von der AWO Essen. Die Parkouranlage ist ihr Projekt. Denn was aussieht, wie ein futuristischer Spielplatz, ist in Wirklichkeit ein klug durchdachtes Projekt zahlreicher Akteure aus dem Stadtbezirk.

Alles begann mit dem Jugendforum auf Zollverein. Einer Initiative des Jugendwerks der AWO. Das war 2014. Da haben Jugendliche aus dem Umkreis gemeinsam überlegt, was sie sich für ihren Stadtbezirk wünschen. Unterstützt wurden sie dabei vom Jugendamt, dem Institut für Stadtteilentwicklung, Sozialraumorientierte Arbeit und Beratung der Universität Duisburg-Essen, der Bezirksvertretung und der Stiftung Zollverein. Drei Jahre vergingen, in denen das Projekt nicht ruhte, ganz im Gegenteil, Gelder wurden akquiriert, Genehmigungen eingeholt und gemeinsam mit professionellen Parkouranlagenentwicklern Pläne geschmiedet.

Doch nicht nur für die eigentliche Anlage entstand ein Konzept, auch für Nutzung und Betreuung. Denn wer Fahrrad fahren oder Fußball spielen lernen will, der geht mit Papa, Oma oder den Nachbarskindern raus und los geht’s. Doch für Parkour ist professionelle Hilfe ratsam. Eine eigene Stelle musste her. Diese wurde vom Jugendhilfenetzwerk eingerichtet. Und mit ihr kam Carina.

Die ist eigentlich Kunstpädagogin und hier ins kalte Wasser gesprungen. Den Stadtbezirk und die Jugend hier kannte sie bereits, doch die Erstellung und Nutzung einer Parkouranlage hatte sie noch nie betreut und schon gar nicht auf einem Welterbe. Und wie war das so? „In einem solchen Gremium am Tisch zu sitzen ist schon etwas ganz anderes als meine sonstige Jugendarbeit“, berichtet sie noch immer ein bisschen beeindruckt. Aber als „sehr hilfsbereit“ charakterisiert sie die Zusammenarbeit mit Zollverein, „in der Jugendarbeit schreibe ich Pressemitteilungen zum Beispiel doch eher selten, da haben die mir schon unter die Arme gegriffen.“

Und jetzt? Was passiert nun mit der Anlage? Die darf frei genutzt werden und wird sie auch schon. Dafür hat Carina gesorgt, ist zu Vereinen, in Jugendhäuser und Schulen gegangen und hat die Jugend mobilisiert. Gemeinsam mit zwei Trainern wird nun jeden Freitag trainiert. Da kann jeder hinkommen, der mag, egal ob Anfänger oder Profi.

Kevin ist einer der Trainer. Er ist 24. Parkour hat er eher zufällig für sich entdeckt, als ihm beim Spielen ein Basketball aufs Dach geflogen war. Da haben sie zu zweit versucht, die Mauer hoch zu kommen, so wie sie es in Youtube-Videos gesehen hatten. Das war vor sieben Jahren. Jetzt flitzt er Mauern hoch wie Spiderman, nur ganz ohne Spinnweben. Wie oft er sich schon verletzt hat? „Nicht so oft, wie früher beim Fußball. Und auch nicht schlimmer“ sagt er und fügt an, „man startet ja nicht von einer Mauer in zwei Metern Höhe. Bis ein Sprung sitzt, übt man ihn halt auf einer Bordsteinkante.“ Und tatsächlich, vor jedem Sprung hockt er da wie eine Katze und wägt ab. Denn jeder Millimeter ist entscheidend.

Das findet er auch auf unseren Fotos. Ein Sprung. Ein kritischer Blick auf das Display der Kollegin. „Nee, das mach ich nochmal, das kann ich besser.“ Auch hier wird weiter geprobt, bis alles sitzt: die Bewegung, der Gesichtsausdruck. Und da zeigt sich die wahre Natur des Parkour. Was aussieht, wie mal eben drüber gerast, an der Mauer hoch, über die Stange geflogen und im Salto wieder runter, ist im Vorhinein wohl überlegt, ausgetüftelt und tausende Male geprobt.

Und das macht er auch mit den Menschen, die zu seinen offenen Trainings kommen: individuell ausprobieren. Die Teilnehmer sind nämlich bunt gemischt. „Hier trainieren alle Alters- und Gesellschaftsklassen miteinander.“ Der Altersschnitt liegt etwa zwischen acht und 50 Jahren, wobei der Großteil zwischen zwölf und 14 ist. „Da kommen zum Teil Eltern mit, die wollen dann auch ‘was lernen.“

Wir sind erstaunt. Und dann springen 50jährige mal eben von da oben runter? Unser Blick geht auf das Gestänge in etwa zwei Metern Höhe. „Nee, mit denen kann man nicht dieselben Sachen machen, wie mit zwölf-, 13-, 14-jährigen. Die lernen dann halt andere Dinge.“ So macht also tatsächlich jeder sein ganz individuelles Training.

Überhaupt betont der studierte Fitnessökonom und Personal Trainer immer wieder, dass Parkour kein Extremsport ist. Und dass es auch in dem Sinne keine Wettkämpfe gibt, wie in anderen Sportarten. „Parkour muss nicht spektakulär sein, sondern sicher. Hier geht es um das Miteinander und nicht um ein Gegeneinander.“

Davon können wir uns kurz darauf selbst überzeugen, denn dann kommen noch Tom und Jan vorbei. Sie sind auch Traceure. Tom ist ebenfalls Trainer. Er ist 22, studiert Sportwissenschaft und macht seit vier Jahren Parkour. Jan ist mit 20 der jüngste von ihnen und seit drei Jahren dabei. Er ist vorher Trampolin gesprungen, das merkt man ihm an. Was man nicht merkt ist, dass kein Trampolin mehr unter ihm ist, sondern nur ein Betonklotz.

Schnell fügt sich Toms Handy farblich in die Betonlandschaft ein, aus einem winzigen Bluetooth-Lautsprecher tönt leise Hip Hop. Die drei überlegen kurz, was sie machen wollen, damit sie alle auf einem Foto landen. Das ist gar nicht so einfach, denn sie wollen dabei gut aussehen und dürfen sich nicht gegenseitig in die Parade springen. Auch hier muss ein paar Mal geprobt werden, dann sitzt es. Die Kollegin zuckt hier und da ein wenig, als die Jungs ihr rechts und links um die Ohren fliegen, um zu landen.

Dann sind die Bilder im Kasten. Von Ferne schleicht sich heimlich noch jemand mit einer Kamera an. Die neongelbe Sicherheitsjacke macht das „heimlich“ ein bisschen schwierig. Auf Nachfrage stellt sich schnell heraus, dass er gar nicht uns fotografiert. Frank Pöpping hat nur Augen für die Anlage.

Er ist Bauleiter bei der Firma Haddick & Sohn und hat den Hindernis-Parcours, nach den Plänen der Architekten von Pro Elan und koordiniert von der Stiftung Zollverein, gebaut. Ob er sowas öfters macht? „Nein!“, lacht er, „Eine Parkouranlage hatten wir vorher noch nie gebaut“, sagt er und blickt immer noch etwas ungläubig aber voller Stolz auf sein Werk. Und was war so sein erster Gedanke, als er es fertig gesehen hat? „Oh mein Gott, wer will sich denn hier das Genick brechen?“ Kein ganz abwegiger Gedanke.

Aber damit genau das nicht passiert, gibt es Profis wie Kevin, Tom und Jan, deren erklärtes Ziel es ist, „Parkour mit den richtigen Werten weiterzugeben“. Und wie finden sie die neue Anlage? „Ich bin megaglücklich. Hier wird es nie langweilig. Das ist wirklich sehr sehr schön konzipiert“, findet Kevin. Und damit alles auch so schön bleibt, kettet Carina noch Besen und Schaufel an die Anlage. Auch sie ist ganz glücklich mit ihrem Projekt, „das fügt sich schon großartig ein in das Surrounding.“ Recht hat sie. „Hier ist alles richtig gemacht worden. Ich bin zwar keine Traceurin, aber ich sehe schon, wie das angenommen wird und das zeigt, wie wichtig die Jugendbeteiligung bei so etwas ist und dass sich das doch sehr lohnt.“

Offene Trainings finden immer freitags von 17 bis 19 Uhr statt.

Mehr zur Parkour-Anlage auf dem UNESCO-Welterbe Zollverein finden Sie hier.

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Impressionen von der Parkouranlage