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ESSEN.
MITTENDRIN.

Die Unwägbarkeit der Tomate

Ein Besuch beim "Tat Ort Aalto"

Sonntagabend. Stadtgarten. Auf dem Weg zum Aalto-Theater. Es ist dunkel, still und kalt. Drei Zustände, die sich an diesem Abend schnell ins Gegenteil verkehren werden. Mit dem Schritt durch die Eingangstür.

Hier ist es warm, hell und hier sind Menschen – die auch alle so aussehen, als wüssten sie nicht so ganz, was sie hier heute Abend erwartet. Es fühlt sich anders an als sonst. Weniger Menschen. Man kommt schnell ins Gespräch, denn das Foyer beherbergt heute nicht die üblichen Zuschauermengen. Auf Anweisung sammelt man sich im oberen Foyer. Ein gemischtes Trüppchen, grob geschätzt zwischen 17 und 70. Der Dresscode reicht vom Kapuzenpulli mit Batikhalstuch bis zum Anzug mit Weste und Krawatte. An Stehtischen bei Wein und Brezeln fragt man sich, wo es denn wohl gleich hingeht. Denn noch sind die Türen verschlossen.

Dann öffnet sich eine Tür und der kleine Tross bewegt sich neugierig durch den Zuschauerraum nach unten und schließlich über eine kleine Holztreppe an der Seite hoch auf die Bühne. Dort, wo gerade noch Smetanas "Die verkaufte Braut" aufgeführt wurde, stehen nun graue Stühle bereit. Es gibt keine Trennung zwischen Publikum und Bühne. Alle blicken sich mit großen Augen um und genießen die neu gewonnenen Perspektiven. Mitten im Bühnenbild der "verkauften Braut" nehmen wir Platz – jeder, wo er mag, denn heute ist alles ein bisschen anders.

Das "Sopran-Ketchup-Massaker" sollen wir sehen. Ein Stück aus der Reihe "Tat Ort Aalto", einer sonntagabendlichen Veranstaltung, deren Ziel es ist, dem Besucher ein ganz anderes Bühnenerlebnis zu ermöglichen, indem sie die Distanz zwischen Zuschauer und Künstlern aufhebt.

Dreimal pro Spielzeit gibt die außergewöhnliche Reihe Künstlern auch die Möglichkeit, Neues auszuprobieren und sich mitunter auf ungewöhnliches Terrain zu wagen. Für diesen Abend hat Regieassistent Sascha Krohn gemeinsam mit den Dramaturgen Christian Schröder und Svenja Gottsmann eine Geschichte entwickelt und die Regie übernommen. Das Ergebnis dürfen sich dann rund 80 Zuschauer ansehen, so viele plant ein "Tat Ort" auf der Bühne ein.

Ganz nah dran sein. "Das ist nicht nur für das Publikum eine Herausforderung", weiß Christian Schröder. Dieses darf zwar ganz dicht ans Geschehen rücken, muss dafür allerdings auch seine Komfortzone im Dunkeln verlassen und sitzt nun mit im Rampenlicht.

Und müssen die Zuschauer dann mitmachen? "Je nach Stück kann es schon sein, dass die Zuschauer miteinbezogen werden", berichtet er. Doch auch den Künstlern wird der Sicherheitsabstand genommen. "Das ist für die auch komisch, wenn sie plötzlich das Publikum hautnah vor sich haben." Denn so nah können sie jede Reaktion nicht nur hören, im Licht können sie sie auch sehen.

Genau damit spielt das Stück auch gleich zu Beginn. Die weltberühmte Sopranistin Grietje Fleur van Dorn (Karin Strobos) wird von ihrem Pianisten (Christopher Bruckmann) angesagt, kommt auf die "Bühne" und verschwindet gleich wutentbrannt wieder. Der Bühnenmeister (der echte, kein Schauspieler – heute müssen/dürfen alle mitmachen) erklärt, dass der Grande Dame ein Abstand von 3,50 Metern zum Publikum vertraglich zugesichert ist. Und so muss die erste Reihe erstmal 50 Zentimeter mit den Stühlen rücken.

Ab hier entspinnt sich die Geschichte der großen Sopranistin und einer berühmten Tomatologin (Cornelia Constanze Orlow), die ihre Forschung darauf ausgelegt hat, herauszufinden, ob Sopranistinnen höher singen, wenn sie mit Tomaten beworfen werden.

Das ist kein Unsinn, den sich Regisseur Sascha Krohn für diesen Abend ausgedacht hat. Das von ihm geschriebene und an diesem Abend uraufgeführte Theaterstück basiert auf dem Buch "Das Soprano-Project - De iaculatione tomatonis (in cantatricem)" des französischen Autors Georges Perec, das ein solches fiktives Experiment detailliert beschreibt. Die Idee dazu kam Krohn und Chefdramaturg Christian Schröder auf einer Party. Und tatsächlich fanden sich schnell Freiwillige, die mit dabei sein wollten. So wurden hinreichend Silikontomaten bestellt, die beim Aufprall zerplatzen, sich dann aber wieder zusammenziehen.

"Eine Sopranistin zur Strecke bringen" schwor sich die Tomatologin im Alter von zehn Jahren, genervt von den Schallplatten des Onkels und stürzt sich in die Wissenschaft. Natürlich basiert diese Rachephantasie auf der eigenen verwehrten Gesangskarriere.

Die holländische Sopranistin, nicht arm an Allüren, flucht derweil hemmungslos und unterhaltsam in ihrer Landessprache, verteufelt schließlich den Opernbesucher, der "im Schnitt 63,64 Jahre alt ist" und "das hohe C nichtmal erkennt, wenn es vor ihm ständ." Vor Selbstironie strotzend lernen wir, "Der Opernbesucher ist der Feind der Oper! Wenn die Politik die Oper nicht zu Grunde richten wird, der Opernbesucher schafft das." Die recht opernaffin wirkenden Zuschauer lassen das laut lachend über sich ergehen, auch die, die vermutlich 63,64 Jahre alt sind.

Schließlich landet die Sängerin in den Fängen der Wissenschaft. An einen Stuhl gefesselt und mit Kokain betäubt singt van Dorn ein Portfolio bekannter Arien aus dem "Barbier von Sevilla", der "Hochzeit des Figaro" oder der "Fledermaus", während die wissenschaftlichen Mitarbeiter sie mit echten und Silikon-Tomaten bewerfen und die erreichte Dezibelzahl der Kreischreaktionen bei Treffern messen. Sehr zur Freude des Publikums, das zwischen den großen Lachern fast durchgehend kichert. Mit seinem Applaus weiß es aber offensichtlich nicht nur die Skurrilität sondern auch die beeindruckende Sangesleistung zu würdigen.

Schließlich erreicht die Wissenschaftlerin ihr großes Ziel, als van Dorn unter Tomaten zusammenbricht und setzt selbst als Königin der Nacht zu einer Rachearie an, bei der selbst Florence Foster Jenkins hätte lachen müssen.

Ein höchst unterhaltsamer Abend, dessen besonderes Flair trotz aller Tomaten nicht ins Hintertreffen gerät.

Das Publikum ist begeistert und nutzt noch die Gunst des Augenblicks, ein wenig auf der Bühne zu verweilen. "Sehr gut gefallen", hat es Sonja (27), "obwohl man uns ja vorher nicht viel verraten hat." "Das ist mal etwas ganz besonderes, auf der Bühne zu sitzen und so nah dran zu sein", fügt Marius (26) hinzu. Beide gehen trotz ihres gar nicht durchschnittlichen Alters ab und zu in die Oper, "sofern das studentische Budget es zulässt". Für das "Sopran-Ketchup-Massaker" sind sie zum ersten Mal ins Aalto-Theater nach Essen gekommen, ihrer Begeisterung nach nicht das letzte Mal.

Auf der Bühne hat sich mittlerweile alle Anspannung gelöst. Die beiden Dramaturgen Christian Schröder und Svenja Gottsmann strahlen übers ganze Gesicht. Erleichtert? "Auf jeden Fall!" Das sieht man ihnen an. Regisseur Sascha Krohn kommt noch einmal für unser Foto zurück auf die Bühne. Ob er vorher nervös war? "Eigentlich nicht … naja, also vorher ist man ja immer ein bisschen nervös, aber nicht besonders, obwohl so Tomaten ja schon ein paar Unwägbarkeiten darstellen", gibt er dann doch zu. Glücklich mit der gelungenen Vorstellung nimmt er für uns noch einmal Platz auf dem Versuchsstuhl. Ein Fehler, denn kaum ist unser Foto im Kasten, greift Sopranistin Karin Strobos zur Tomate. Da muss er jetzt durch.

Ein Klingeln beendet den Abend dann wirklich. Der eiserne Vorhang fährt hoch und trennt Bühne und Zuschauerraum wieder voneinander. Vorbei der Zauber von "Tat Ort Aalto".

Am 18. März 2018 um 21 Uhr dürfen die Zuschauer dann wieder auf der Bühne Platz nehmen, wenn es heißt: "Heute Abend: Lola Blau". In dem Ein-Frau-Musical von Georg Kreisler kehrt die Sängerin Lola Blau nach ihrer Flucht 1938 in das veränderte Nachkriegs-Wien zurück.

Karten gibt's für 16 Euro, ermäßigt zwölf. Weitere Termine für den alternativen "Tat Ort" folgen in Kürze für die neue Spielzeit.

Infos unter www.theater-essen.de

nis