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ESSEN.
MITTENDRIN.

Sing und schwing das Bein

Rudelsingen in der Borbecker Dampfe

Ein gewöhnlicher Dienstagabend. Während andere bereits auf dem Sofa dämmern, strömen in Borbeck Menschen in die Dampfe. Eigentlich wird hier Bier gebraut. Uneigentlich wird es hier auch gern getrunken. Aber heute wird gesungen. Das Bier ist auch dabei, aber nur um zwischendurch die Kehle zu ölen.

Sie strömen zu hunderten. "Heute sind wir besonders wenig, nur 300", sagt Rudelführer David Rauterberg. "Wie viele kommen denn sonst?" "600!". Unglaublich. Die Hütte ist so schon rappelvoll.

Gut gelaunt und erwartungsvoll sitzen sie alle im großen Saal über der Dampfe, versorgen sich noch schnell mit Getränken. Der Frauenanteil ist hoch, der Männeranteil höher als erwartet. Bestimmt mitgeschleppt. Das Durchschnittsalter, bunt. Grob geschätzt zwischen 20 und 80 vielleicht, wobei der Mittelteil überwiegt. Alle Stühle und Blicke sind nach vorn gerichtet, zu einer kleinen Bühne mit Leinwand.

Dann geht's los. Alle scheinen zu wissen, was passiert, für den Rest erklärt es David Rauterberg kurz: Es wird gesungen. Im Rudel. Aufrecht stehend. Die Stühle waren also nur Attrappe. Zweieinhalb Stunden soll's dauern, in drei Blöcken à acht Liedern. Dazwischen gibt es Pausen. "Die braucht Ihr." Recht hat er. Wie sich zeigen soll.

Und bevor man so recht weiß, wie einem geschieht, hat Keyboarder Philip Ritter in die Tasten gehauen und die Menge ist schon bei "auf Früchteeis, Ananas, Kirsch und Banaaane". Während der Text über die Leinwand flimmert, dirigiert Rauterberg den überdimensionalen Partychor in einer Mischung aus Tanz und Einsatzzeichen. Und es funktioniert erstaunlich. Im Laufe des Abends werden weit schwierigere Werke geschmettert und nur wenige Einsätze sind nicht auf dem Punkt.

Das Spektrum reicht dabei weit über Udo Jürgens-Klassiker hinaus. Gemeinsam mit den Musikern flanieren sie musikalisch über die Champs-Élysées und nach Downtown, fliegen über den Wolken und leaven on a Jetplane, huldigen ABBA, den Beatles und John Denver, durchleben Bonnie Tylers gebrochenes Herz und tanzen zu Irene Cara und mit Max Giesinger.

Schon ist Pause, die Menge holt ein Getränk - und Luft.

Eine von ihnen ist Nathalie (25). Sie ist zum ersten Mal hier und kommt extra aus Velbert angereist. Sonst singt sie im Chor oder auf Hochzeiten – Profi also. Den Besuch beim Rudelsingen hat ihre Freundin Rebecca ihr zum Geburtstag geschenkt. "Weil sie so gerne singt, dachte ich, das ist genau das Richtige." erzählt die ebenfalls 25-Jährige. Nathalie findet’s bis jetzt großartig und ihr Umfeld freut sich, dass sie gut und laut singt und damit ihre eigenen tonalen Ausreißer ein wenig kaschiert.

Doch die wenigsten im Saal sind Gesangs-Profis. Beim Sechsergrüppchen gegenüber ist die Stimmung ausgelassen. Marcus (46) ist Maler aus Essen. Von wegen mitgeschleift, er ist freiwillig hier, und das vermutlich schon zum 20. Mal, so genau hat keiner mitgezählt. Keine der fünf Frauen, die ihn ebenso oft begleiten, ist seine. Die hat das Sofa an diesem Abend dem Singen vorgezogen. Von ihnen singt keiner im Chor. "Wir können alle nicht singen, deshalb kommen wir her" sagt eine seiner Mitstreiterinnen. Mit Superman-Logo auf der Brust ist Marcus gesanglich zu Vielem bereit. Sein Lieblingslied an diesem Abend: Nena "Irgendwie, irgendwo, irgendwann". "Ich sing alles", sagt er, "nur wenn Westernhagen kommt, dann geh ich aufs Klo."

Schon geht's weiter, das Programm will absolviert werden.

Zu jedem Lied gibt es eine knappe aber unterhaltsame Einführung. Sprachliche Barrieren werden durch kurzes Üben einfach weggesungen. Schlagartig können alle Italienisch, als zwischen Elvis' "Now or Never" und "O Sole Mio" hin- und hergesprungen wird. Französisch ist kein Problem und mit "Hava Nagila" geht selbst Hebräisch. David Rauterberg hat sie gezählt, bei knapp 30 Rudelsingen in Essen wurde in insgesamt zwölf Sprachen gesungen, "Österreichisch" inbegriffen.

"Essen ist experimentierfreudiger als manch andere Stadt", berichtet der Münsteraner, der das Rudelsingen vor fünf Jahren in seiner Heimatstadt erfand und das faszinierende Massenphänomen vor drei Jahren zum Hauptberuf machte. Heute hat er zehn Teams in ganz Deutschland. Das Rudelsingen in der Essener Dampfe war bereits der vierte Standort, an dem sich das Projekt sogleich etablierte.

An seinen ersten Abend hier erinnert er sich gut, denn da haben die Essener gleich eine Tradition erfunden, die er bis heute beibehält. "Nach dem letzten Lied haben die einfach angefangen, das Steigerlied zu singen", erzählt er immer noch ein wenig erstaunt. "Nach dem zweiten und dritten Mal haben dann auch wir verstanden, dass das hier wohl so ist: Treffen sich zwei Essener, können sie nicht auseinandergehen, ohne das Steigerlied zu singen.", hat er gelernt und erklärt, dass sie es dann eben als Abschluss ins Programm aufgenommen haben. Und das nicht nur hier, sondern in allen Ruhrgebietsstädten - aber in Essen sei es nochmal etwas ganz anderes.

Anmerkung der Redaktion: Das Rudelsingen findet jetzt auf Zeche Carl statt.

Weitere Infos und Termine finden Sie hier https://rudelsingen.de/ I www.zachecarl.de

nis